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Der aufgefressene Wald

Eine Heidengeschichte

Als ich vor kurzem mit meinem Freund Tim durch den Wald ging, stieß der mich an und sagte: „Kaum zu glauben, dass der ganze Wald beinahe mal aufgefressen worden ist, nicht wahr?“ Er sagte das, als ginge es um die gewöhnlichste Sache der Welt. Aber ich blieb stehen. Der Wald? Aufgefressen? Wälder bestehen doch aus Bäumen und die sind aus Holz. Wer sollte die denn fressen? Da wollte mir wohl jemand einen Bären aufbinden. „Bären? Wieso Bären?“, sagte Tim, „die Bären haben damit nichts zu tun. Frag mal lieber die Schweine.“ Und dabei grinste er, als ob er alles ganz genau wüsste. Na, das wurde ja immer besser. Schweine mögen bestimmt kein Holz und sprechen können sie erst recht nicht, nur grunzen, das weiß jeder. Da würde ich schön ankommen mit meinen Fragen. „Och, du musst eben die Ohren spitzen und besonders gut hinhören“, sagte Tim, „das geht schon.“ Und dabei sah er aus, wie jemand, der sich ins Fäustchen lacht, weil er merkt, dass der andere nur Bahnhof versteht.


Aber manchmal hat man halt Schwein. Nach langem Suchen fand ich eins, das so fein grunzte, so vornehm quiekte, und außerdem so klug guckte, dass man immer sofort wusste, was es meinte. „Stimmt“, grunzte es, „vor langer Zeit war mal fast der ganze Wald weg. Das weiß ich von meinen Ur-Ur-Ur-Großeltern. Die waren sehr traurig darüber, weil sie gerne im Wald gewesen sind. Besonders, wenn es Eicheln und Bucheckern gab. Die sollen nämlich hervorragend schmecken“, setzte es hinzu und äugte dabei betrübt in seinen leeren Trog. "Heute kommen wir Schweine gar nicht mehr in den Wald. Dabei würden wir den bestimmt nicht auffressen, höchstens ein paar Wurzeln. Nein, soweit ich weiß, haben damals die Kühe den Wald aufgefressen." Dabei guckte das Schwein wieder in den Trog und dann auf mich und schließlich machte es so vorwurfsvoll "grunz", dass ich ihm schnell das Butterbrot gab, das ich mir eingepackt hatte.

Wenn man sich schon mit einem Schwein unterhält, warum dann nicht auch mit einer Kuh? Leicht ist das aber nicht, denn Kühe machen "muh". Und leider heißt das meist auch nicht viel mehr als eben "muh". Da kann ein Gespräch ganz schön muhselig werden, ich meine natürlich: mühselig. Trotzdem bekam ich raus, dass früher die Ur-Ur-Ur-Großeltern der Kühe im Wald geweidet hatten. "Die haben da natürlich nur ein paar Blätter gefressen", bemuhten, äh, bemühten sich die Kühe, mich zu beruhigen. "Das hat dem Wald gar nicht geschadet. Wir Kühe sind friedlich und bescheiden. Uns genügt auch eine Wiese. Nein, das mit dem Wald, das müssen die Schafe gewesen sein."

Oh, je. Versuch mal, mit einem Schaf zu sprechen! Da kommt prompt die ganze Herde angelaufen und macht einen solchen Riesenlärm, dass du dein eigenes Blöken nicht mehr verstehst. Blöken? Quatsch, dein eigenes Wort natürlich. Blöken tun ja die Schafe. Aber nachdem ich laut gebrüllt hatte: "Ich will hier sofort den allergrößten Schafskopf sprechen", kam der Boss der Herde und gab mir Auskunft. "Stimmt", sagte auch er, "vom Wald war vor langer Zeit kaum noch was übrig. Aber für unsere Ur-Ur-Ur-Großeltern war das nicht schlimm. Statt des Waldes wuchs nämlich die Heide. Die hat im Sommer so viele Blüten, wenn man mittendrin steht, ist es wie in einem violetten Meer. Aber man geht natürlich nicht unter, sondern kann viele leckere Kräuter und Pflanzen fressen. Zumindest wenn man ein Schaf ist. Ach, das muss schön sein."



Das klang ja wirklich toll. Ich bekam selbst Appetit, obwohl ich kein Schaf bin. Wenigstens mein Butterbrot hätte ich jetzt gerne gehabt. Aber das hatte ja das Schwein bekommen. Eins war jedenfalls klar: Mit dem Verschwinden des Waldes wollten die Schafe nichts zu tun haben. Ich bekam schon Angst, sie würden als nächstes behaupten, die Goldfische seien an allem Schuld. Denn anscheinend wollte mich hier jeder auf den Arm nehmen. Der oberste Schafskopf blökte aber: "Das mit dem Wald früher, das waren ganz bestimmt die Ziegen. Die kommen überall hin, weil sie so gut klettern können, und außerdem knabbern sie gerne an allem rum, bis es kaputt ist."
Aha.

Doch von den Ziegen wurde ich gleich angemeckert. "So, so, wir sollen also früher mal den Wald aufgefressen haben, nur weil wir gerne an Zweigen knabbern? Du glaubst wohl noch an Märchen? Und bestimmt haben wir hinterher auch die ganze Heide aufgefressen. Bis nur noch Sand übrig war. Den haben wir dann auch noch gemampft, mit ordentlich Salz und Pfeffer drauf, und Senf, höhö." Ziegen sind ziemlich frech, hatte ich das schon erwähnt? Und wenn sie einmal meckern, hören sie so schnell nicht wieder auf: "Und dann haben wir da, wo vorher Wald und Heide waren, Straßen und Eisenbahnen gebaut. Und Brücken, Hochhäuser, Flugplätze … Wie wir Ziegen halt so sind, höhö." "Aber nein", rief ich, "die Straßen und all das - das waren natürlich die Menschen." "Ach nee", meckerten die Ziegen, "und warum haben die Menschen dann nicht auch den Wald gefressen?" Die Menschen? Ich stellte mir einen großen Tisch vor, an dem eine ganze Gesellschaft sitzt, hungrig und mit Messern und Gabeln in der Hand. Und auf jedem Teller ein großes Stück Holz. Da würde man sich ganz schön die Zähne dran ausbeißen. Statt des Messers bräuchte man eher eine Säge. Nein, das weiß jeder: Holz kann man nicht essen, höchstens Feuer damit machen, um Essen zu kochen.


Tja, und da ging mir ein Licht auf. Früher, als es noch keinen Strom gab, kein Öl und kein Gas, da hatten die Menschen ja gar nichts anderes, um Feuer zu machen - außer … Tim sah ein bisschen dumm drein, weil ich die Sache schließlich doch rausgefunden hatte. „Genauso war´s“, brummte er. „Vor 300 Jahren, da bekamen die Menschen richtig Angst, weil das Holz knapp zu werden begann. Dabei brauchten sie es doch so dringend, um ihre Öfen damit zu füttern. Wie hätten sie sonst heizen sollen oder kochen? Oder Eisen schmelzen, Salz sieden und tausend andere Sachen, für die man Feuer braucht. Die Öfen waren richtige Holzfresser. Und außerdem benötigte man ja auch noch Holz zum Bauen, für Häuser, Schiffe, Brücken und so weiter. Die Menschen kratzten sogar den Waldboden zusammen und warfen ihn zum Düngen auf die Felder. Irgendwann waren die Wälder fast völlig ausgeplündert und gingen kaputt. Stattdessen wuchs überall Heide." „Aber heute gibt es doch wieder viel Wald?“ fragte ich. „Oh, in manchen Ländern wird immer noch Wald gefressen. Bei uns haben die Menschen zum Glück kapiert, dass man ihn wieder anpflanzen muss. Und das haben sie dann auch fleißig getan. Dafür ist jetzt die ganze Heide weg." „Die soll schön gewesen sein“, plapperte ich den Schafen nach und dachte noch ein bisschen an mein Butterbrot. „Ja, sogar wunderschön“ sagte mein Freund Tim. „Am allerschönsten wäre natürlich beides: Heide und Wald. Aber als man den Wald wieder angepflanzt hat, hat man fast überall vergessen, ein bisschen von der Heide übrig zu lassen. Die Menschen übertreiben halt gern. Wie beim Waldfressen.“ Und er stieß mich wieder an, aber diesmal, weil wir jetzt beide Bescheid wussten.


Aufgeschrieben von Ralf J. Günther ©